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Spechtsbrunn °C
  15.12.2017 Ferienhaus Ostsee

Auf der Höhe des Rennsteigs, nicht weit vom Ort Spechtsbrunn entfernt, steht das Gasthaus „Kalte Küche“. Am 14.August 1932 wurde es an einem geschichtsträchtigen und idyllischen Fleckchen eingeweiht. Seit Jahrhunderten heißt diese Stelle, an der sich der sagenumwobene Rennsteig mit der alten Heer- und Handelsstraße kreuzt, die „Kalte Küche“. Der Name entstand aus den Begriffen „Calde“, was Grenze bedeutet, und „Kuche“. Im Fränkischen wird eine Kapelle oder kleine Kirche „Kuchel“ bzw. Kochel genannt.
Tatsächlich verlief unmittelbar an der „Kalten Küche“, der „Kapelle an der Grenze“, die Grenze des Besitzes der Grafen von Orlamünde. Sie erweiterten um 1400 ihr Gebiet mit der Ortschaft Spechtsbrunn. Um 1485 erwarben die Reichserbmarschälle von Pappenheim die Hasenthaler Wälder. So wurde die Pappenheimische Herrschaft die größte Adelsherrschaft in Ostthüringen.

Historisch verbürgt ist, dass an der „Kalten Küche“ bis zur Einführung der Reformation eine kleine Wegekapelle stand, die von einem Einsiedler-Mönch aus der Benediktiner-Probstei Zella (Probstzella) betreut wurde.
Jeder Reisende befahl sich hier, im Hinblick auf die gefahrvollen und unsicheren Wege, dem Schutz des Allmächtigen. Denn mit der Sicherheit war es auf der alten Handelsstraße nicht gut bestellt.
Auf einer Landkarte des Nürnberger Karthographen Paul Pfinzing aus dem Jahre 1588, sehen wir unmittelbar an der „Kalten Küche“ ein dreieckiges Hochgericht, einen Galgen. Das hatte seinen guten Grund. Nicht selten überfielen ganze Banden die Kaufleute mit ihren Gespannen, wenn sie auf dem beschwerlichen Weg von Judenbach kamen oder den steilen Weg von Creunitz herauf bewältigen mussten.
Die Einwohner von Spechtsbrunn erhielten deshalb den Auftrag, für die Sicherheit in dieser Gegend zu sorgen. Dafür waren sie vom allgemeinen Wehraufgebot befreit, brauchten höchstens stundenweise in den Krieg zu ziehen.
In einem Privilegium aus dem Jahre 1498 erfahren wir, dass die Spechtsbrunner, sofern sie einen Übeltäter auf frischer Tat ertappten, ihn ohne Gerichtsurteil am nächsten Baum aufknüpfen durften.

Als auf der „Kalten Küche“ noch die kleine Wegekapelle stand, sind viele namhafte Leute und Persönlichkeiten von Rang und Würde vorüber gezogen.
Wir wissen davon, daß Kurfürst Friedrich der Weise und sein Hofmaler Lucas Cranach d.Ä., Kaiser Karl V., Herzog Alba, Kurfürst Johann der Beständige und sein Sohn Johann Friedrich der Großmütige hier vorbeigekommen sind. Aber auch der Ablasshändler Tetzel und sein großer Widersacher Dr. Martin Luther samt vielen getreuen Streitern im Ringen um die Durchsetzung der Reformation in Deutschland sind an der „Kalten Küche“ hinauf und hinunter gezogen.
Nicht zu zählen aber sind die einfachen Menschen, die unbekannt geblieben sind in der Geschichte unseres Volkes: Händler und Fuhrleute, Landsknechte und Soldaten haben die „Kalte Küche“ passiert.

Viel Kriegsvolk zog im Verlauf der Jahrhunderte vorüber. Im Jahre 1547 brandschatzten und plünderten die Truppen Kaiser Karl des V. während des Schmalkaldischen Krieges in der Herrschaft Gräfenthal. Spechtsbrunn wurde fast vollständig zerstört.

Im Dreißigjährigen Krieg, im Siebenjährigen Krieg und unter napoleonischer Fremdherrschaft kam es häufig zu Durchmärschen von Heeres- und Truppenkontingenten. Es waren mitunter 8.000, 12.000 ja sogar 25.000 Soldaten der verschiedensten Nationalitäten. In Erinnerung ist noch das Schicksal des jungen Soldaten, der als Sachsen-Meininger zum Dienst in Napoleons Armee gepresst wurde und wie so viele seiner Landsleute desertierte. Die Franzosen führten ihn über die „Kalte Küche“ nach Buchbach bei Gräfenthal und erschossen ihn auf einer kleinen Anhöhe jenseits der Mühle

Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde in der frühen Geschichte der Luftfahrt über der „Kalten Küche“ ein Weltrekord erzielt. Am 30. Juni 1911 überflog der Flugpionier Hellmuth Hirth auf seinem Etappenflug von München nach Berlin den Thüringer Wald mit einem selbstgebauten Flugapparat, der durch einen 70- PS- Motor angetrieben wurde. Als Fluggast fungierte sein Freund, der bewährte Freiballonführer Alfred Dierlamm. Dieser führte alle 4-5 Minuten das Bordbuch und hielt das Ereignis fest. Dank guter Thermik stieg das Flugzeug buchstäblich erst in den letzten Minuten auf 900 m Höhe auf, so daß der Thüringer Wald passierbar wurde. In einer Höhe von 900 Metern überflogen sie die „Kalte Küche“ und errangen den Höhenweltrekord mit Fluggast.
Auch das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ überflog mehrmals die „Kalte Küche“.

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Gaststätte ihre erste Blütezeit. Verkehrsgünstig an der neu gebauten Straße von Sonneberg nach Gräfenthal gelegen, gab es keinen Mangel an Gästen. Das Gasthaus war zudem Einkehrlokal des Thüringerwald - Vereins, des Rennsteigvereins und des Thüringer Burgenvereins. Gerne drückte der Gastwirt Max Wicklein den Wanderfreunden seinen Stempel ins Wanderbuch.

Der Zweite Weltkrieg ging auch an der „Kalten Küche“ nicht spurlos vorüber. Kurz vor Kriegsende schlugen anglo-amerikanische Bomben in unmittelbarer Nähe ein. Anfang April 1945 wurden Häftlinge aus dem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald evakuiert und hier vorüber getrieben. Ein Wehrmachtsstab nahm in den letzten Kriegstagen im Wirtshaus Quartier.
Eine Panzersperre wurde von Volkssturmmännern errichtet.
Am Vormittag des 12. April 19945 rückten amerikanische Panzer vor und besetzten ohne Blutvergießen das Gasthaus. Der Kommandant hatte entschieden: „Die Sperre wird nicht geschlossen.“
Die Amerikaner blieben bis zum 2. Juni 1945. Dann zog die Sowjetarmee ein und errichtete in den Räumen der „Kalten Küche“ eine Kommandantur. Erst 1947 konnte die Familie Wicklein in ihr Haus zurückkehren.

Es kam zur Spaltung Deutschlands und der Errichtung der „Grenzsicherungsanlagen“. Die „Kalte Küche“ kam ins Sperrgebiet und war nur mit Passierschein erreichbar. Vierzig Jahre lang blieb sie das Wirtshaus an der Grenze, führte doch unmittelbar der erste Schutzstreifenzaun hier entlang.

Am 11. November 1989 zerbrach unter unbeschreiblichem Jubel der Menschen der Eiserne Vorhang. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten wurde eingeleitet. Am 24. November 1989 zogen viele hundert Menschen zum neu eröffneten Grenzübergang zwischen Spechtsbrunn und Tettau.

Am 28. April 1990 wurde schließlich auch der Rennsteigwanderweg wieder durchgängig begehbar gemacht. Mit einem großen Fest, zum dem über 5.000 Wanderfreunde aus Franken und Thüringen gekommen waren, wurde nicht weit von der „Kalten Küche“ die Wiedereröffnung des Rennsteiges gefeiert.

Mit der Kreisgebietsreform 1994 kam die „Kalte Küche“, da sie auf Buchbacher Flur liegt, zum Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, das benachbarte Spechtsbrunn zum Landkreis Sonneberg.

Die „Kalte Küche“ ist heute wieder ein Gasthaus an der Grenze, der Landesgrenze zwischen Thüringen und Bayern, der Landkreisgrenzen zwischen Sonneberg, Kronach und Saalfeld-Rudolstadt und der Grenzen zwischen den Naturparks Thüringer Wald, Frankenwald und Thüringer Schiefergebirge - Obere Saale.

Verfasser: Wolfgang Wiegand

Anmerkung: Die Geschichte der "Kalten Küche" wird natürlich weiter geschrieben. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es hier ein Naturparkinformationszentrum mit einer Touristinformation und einem Imbiss. Hier wird Tourismus gelebt und daran gearbeitet. Hier können Sie über die Vielfalt der Regionen- sei es das Thüringer Schiefergebirge oder der Frankenwald allererste Informationen erhalten, um sie dann ganz nah zu erleben. Hier führt die Naturparkroute "Thüringer Wald" vorbei - eine Rucksackschule für Schulklassen, Familien und Jugendgruppen möchte Erlebnisse und Erkenntnisse  vom "Grünen Band" mit dem Titel "Vom Todesstreifen zum Lebensraum" vermitteln. Eine Audioroute, erlebbar mit eigenen Handy oder bei uns geliehenen MP3- Playern, mit dem Titel Glas und Porzellan - Tradition am Rennsteig, ist empfehlenswert.

Ihr Team vom Naturparkinformationszentrum

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